Stoffummantelte Elektroleitungen sind in vielen älteren Häusern noch im Einsatz – oft unbemerkt, bis Steckdosen warm werden, Sicherungen auslösen oder bei Renovierungen Kabel freiliegen. Das Problem: Die Isolierung kann über Jahrzehnte spröde werden, Leiter liegen dann nicht mehr zuverlässig geschützt und Schutzleiter fehlen teils komplett. In diesem Beitrag erfahren Sie, woran Sie solche Leitungen erkennen, welche Sanierungswege es gibt und wann eine komplette Erneuerung der Elektroinstallation sinnvoll ist.
Woran Sie stoffummantelte Leitungen erkennen (ohne Risiko)
Typisch ist ein textiler, gewebter Außenmantel (häufig grau, beige oder dunkel), manchmal mit bitumenartiger Imprägnierung. In Abzweigdosen finden Sie zudem häufig starre Adern mit gealterter Gummi- oder Papierisolation. Wichtig: Bitte nicht daran ziehen oder biegen. Gerade beim Öffnen alter Dosen bröselt die Isolierung manchmal sofort ab – ein klares Warnsignal.
- Optik: Gewebemantel statt glatter Kunststoffummantelung.
- Geruch/Material: teils „teerig“ oder altgummiartig in Dosen.
- Begleiterscheinungen: flackerndes Licht, lose Klemmen, bräunliche Verfärbungen an Steckdosen/Rahmen.
- Technikstand: fehlender Schutzleiter (keine grün-gelbe Ader) oder keine Fehlerstrom-Schutzeinrichtung (RCD/FI) im Verteiler.
Wenn Sie Ihre Elektroinstallation im Altbau erneuern oder umbauen, lohnt sich zudem ein Blick auf die Verteilung: Alte Schraubsicherungen, zu wenige Stromkreise und fehlende Überspannungsschutz-Komponenten sind häufige Hinweise darauf, dass die Anlage insgesamt nicht mehr zum heutigen Bedarf passt.
Optionen im Vergleich
Welche Lösung sinnvoll ist, hängt davon ab, wie gut die Leitungswege zugänglich sind, ob ohnehin renoviert wird und ob Sie die Anlage zukunftssicher (z. B. für Wärmepumpe, Wallbox oder Homeoffice) auslegen möchten.
Option 1: Kritische Stromkreise gezielt ersetzen (Teilsanierung)
- Geeignet für: einzelne auffällige Bereiche (z. B. Küche, Bad, stark belastete Steckdosen).
- Vorteile: schneller Effekt, begrenzte Eingriffe, geringere Baustelle.
- Nachteile: Alt- und Neuteile koexistieren, spätere Nacharbeiten möglich.
- Aufwand: niedrig bis mittel (abhängig von Putz-/Fliesenarbeiten).
- Hinweis: Sinnvoll nur mit Messungen und sauberer Dokumentation (z. B. E-Check-Prüfprotokoll).
Option 2: Komplett erneuern und Unterputz neu verlegen (Vollsanierung)
- Geeignet für: umfassende Renovierung, Kauf eines Altbaus, deutliche Mängel/Überlast.
- Vorteile: einheitlicher Sicherheitsstandard, neue Stromkreisaufteilung, moderne Schutztechnik im Verteiler.
- Nachteile: mehr Schmutz/Lärm, Wände öffnen, Koordination mit anderen Gewerken.
- Aufwand: hoch (Schlitze, Dosen setzen, Verteilung erneuern).
- Hinweis: Ideal, wenn ohnehin Putz, Böden oder Bäder gemacht werden.
Option 3: Aufputz mit Kabelkanal (sauber nachrüsten)
- Geeignet für: bewohnte Räume, Denkmalschutz, wenn Schlitzen vermieden werden soll.
- Vorteile: wenig Eingriff in Bausubstanz, schnell erweiterbar, gut zugänglich.
- Nachteile: sichtbare Kanäle, Planung der Wege entscheidend für Optik.
- Aufwand: niedrig bis mittel.
- Hinweis: Besonders praktisch für zusätzliche Steckdosen im Arbeitszimmer oder für Netzwerktechnik.
Option 4: Neuverkabelung in Leerrohren (zukunftsfähig planen)
- Geeignet für: Kernsanierung, langfristige Modernisierung, häufige Anpassungen (Smart Home, PV, E-Mobilität).
- Vorteile: Leitungen später leichter austauschbar, Reservewege möglich, ordentliches System.
- Nachteile: mehr Material/Planung, Platzbedarf in Wänden/Decken.
- Aufwand: mittel bis hoch.
- Hinweis: Gute Ergänzung, wenn Sie parallel Netzwerk- oder Steuerleitungen mitführen möchten.
Einsatzfälle: Welche Option passt zu welchem Szenario?
- Sie renovieren nur ein Bad oder die Küche und dort liegen alte Leitungen frei → Option 1 (gezielte Erneuerung der betroffenen Stromkreise).
- Mehrere Räume zeigen Aussetzer, Steckdosen sind warm oder brüchige Isolierung fällt auf → Option 2 (Vollsanierung) ist meist wirtschaftlicher als Stückwerk.
- Sie wohnen im Haus und möchten ohne große Baustelle auf einen sicheren Stand kommen → Option 3 (Aufputz) als pragmatische Zwischen- oder Dauerlösung.
- Sie planen PV, Wärmepumpe, Wallbox oder viele Verbraucher (Homeoffice, Klimagerät, Server/Netzwerk) → Option 4 (Leerrohre) plus moderne Verteilung.
- Altbaukauf mit unbekannter Historie und sehr alter Verteilung → häufig Option 2 kombiniert mit einem E-Check der gesamten Anlage.
Tipp für die Planung: Lassen Sie die Stromkreise neu strukturieren (z. B. getrennte Kreise für Küche, Bad, Waschen/Trocknen, Außenanlagen). Das reduziert Überlast und erleichtert Fehlersuche – und schafft Anknüpfungspunkte für eine spätere Erweiterung der Hausinstallation.
Kosten & Aufwand
Konkrete Preise hängen stark von Region, Wandaufbau, Zugänglichkeit (Keller/Decke), Anzahl der Stromkreise und dem Zustand der Verteilung ab. Als grobe Orientierung (ohne Gewähr):
Teilsanierung einzelner Stromkreise: häufig im Bereich von 500 bis 2.500 je Stromkreis, je nachdem, ob Schlitze, Fliesenarbeiten oder neue Zuleitungen zur Verteilung nötig sind. Aufwand: niedrig bis mittel.
Komplette Neuinstallation einer Wohnung/eines Einfamilienhauses: oft 8.000 bis 25.000, bei aufwendigen Grundrissen, vielen Datenleitungen oder neuer Verteilung auch darüber. Aufwand: hoch, meist mehrere Tage bis Wochen (inklusive Putz- und Malerarbeiten).
Aufputz-Kabelkanal-Lösung: häufig 1.500 bis 8.000, abhängig von Anzahl der Leitungswege, Steckdosen und gewünschter Optik. Aufwand: niedrig bis mittel.
Zusätzliche Faktoren: RCD/FI-Nachrüstung, Überspannungsschutz, Erdung/Potentialausgleich, neue Unterverteilungen, Netzwerkverkabelung sowie das Schließen und Wiederherstellen von Oberflächen.
Wann Sie einen Profi beauftragen sollten
Bei Arbeiten an der Elektroanlage gilt: Sicherheit und Normkonformität stehen über „schnell mal selbst“. Spätestens in diesen Fällen sollten Sie eine Elektrofachkraft einplanen (idealerweise mit Messungen und Dokumentation):
- Bröselnde oder rissige Isolierung in Dosen, an Abgängen oder an frei liegenden Leitungen (akute Kurzschluss- und Brandgefahr).
- Kein Schutzleiter an Steckdosen oder gemischte Nullung/alte Systeme, die eine sichere Nachrüstung erschweren.
- Wiederholt auslösende Sicherungen, flackerndes Licht, verschmorte Klemmen/Steckdosen oder auffällige Wärmeentwicklung.
- Modernisierung im Bad, Keller oder Außenbereich (Feuchtigkeit, besondere Schutzbereiche, RCD-Pflicht in vielen Fällen).
- Erneuerung der Verteilung (RCD, Leitungsschutz, Überspannungsschutz, saubere Beschriftung und Stromkreisaufteilung).
- Unklare Leitungswege oder Verdacht auf unsachgemäße Erweiterungen (z. B. „zusammengeklemmt“ in der Abzweigdose).
Wenn Sie ohnehin umbauen, ist eine professionelle Planung der Erneuerung der Elektroinstallation meist der entscheidende Hebel: Sie vermeiden spätere Provisorien, erhöhen die Sicherheit und schaffen Reserven für zukünftige Technik. Eine gute Fachfirma prüft nicht nur „ob Strom da ist“, sondern misst u. a. Isolationswiderstand, Schleifenimpedanz und RCD-Auslösezeiten – und übergibt Ihnen ein nachvollziehbares Prüfprotokoll.
Praktischer nächster Schritt: Notieren Sie die betroffenen Räume, machen Sie Fotos von Verteilung und sichtbaren Leitungen (ohne daran zu arbeiten) und lassen Sie vor der Renovierung eine Zustandsbewertung durchführen. So wird aus einem unklaren Risiko ein planbares Projekt.